Baulöwe Schneider

Dieser Frankfurter Kriminalfall führt uns in die 1980er und 90er Jahre, in denen der „Baulöwe“ Dr. Jürgen Schneider ein Immobilienimperium erschuf. Er war in der Branche bestaunt und von den Banken hochgeschätzt. Nur wenige Jahre später war der erfolgreiche Unternehmer ein gesuchter Verbrecher auf der Flucht.

Schneider zählte als "Baulöwe" über 150 Immobilien zu seinen Projekten.
Schneider zählte als „Baulöwe“ über 150 Immobilien zu seinen Projekten.

Dr. Jürgen Schneider

Der 1934 geborene Utz Jürgen Schneider war nach seinem Studium des Bauingenieurwesens im Unternehmen seines Vater Richard Schneider tätig. Seines Zeichens einer größten hessischen Bauunternehmer der Nachkriegszeit. Nachdem dieser seinem Sohn die Firmenleitung verweigerte, verließ Jürgen Schneider das Unternehmen und machte sich selbstständig.
Mit seinem ausgezeichneten Ruf als Bauingenieur war es für ihn kein Problem, bei verschiedenen Banken Kredite zu erhalten. Zudem hatte er durch seine Ehefrau Claudia Schneider-Granzow Zugriff auf deren Familienvermögen.

„Ein Mann mit sonorer Stimme, freundlich, aber bestimmt, nur gelegentlich herrisch, eine akkurate Erscheinung.“ – Das schrieb Der Spiegel später über Dr. Schneider.

 

Der Wirtschaftskrimi beginnt

Er nutzt den Bauboom der damaligen Zeit und kauft Gebäude in guten innerstädtischen Lagen, saniert sie aufwändig und vermietet oder verkauft sie anschließend mit großen Gewinnen.

Eines seiner ersten großen Projekte war das Frankfurter Fürstenhof-Gebäude: Das ehemalige Luxushotel kaufte er 1986 für 40 Millionen Mark und ließ es für mehr als 200 Millionen Mark entkernen und sanieren. Fünf Jahre später verkaufte er die Immobilie für angeblich 450 Millionen Mark. Dieser Erfolg ebnet ihm endgültig die Wege in die Kreditabteilungen der Banken.

Als einer der bedeutendsten und angesehensten Bauinvestoren des Landes bezog er 1989 die hundert Jahre alte Villa Andreae in Königstein. Von dort aus baute er ein fast undurchdringliches Firmengefüge von über 130 Tochtergesellschaften auf.

Schneider wusste genau, wie er die Banken überzeugen kann.
Schneider wusste genau, wie er die Banken überzeugen kann.

Nach dem Mauerfall erweitert Schneider sein Arbeitsgebiet nach Ostdeutschland: So lag seit Beginn der 1990er Jahre ein Entwicklungs-Schwerpunkt in Leipzig, wo auch eine Vielzahl von regionalen Firmen für ihn tätig waren. Die meisten davon wurden erst in den Jahren nach der Wiedervereinigung gegründet: viele von Handwerksmeistern, die den Traum der erfolgreichen Selbstständigkeit leben wollten. Die bekannteste Leipziger Immobilie, die auf Schneiders Sanierungsplan stand, ist die heute über 100 Jahre alte Mädler Passage, in der er gerne für die Presse posierte.

Schneider investierte immer weiter in bestgelegene Immobilien deutscher Großstädte – darunter vornehmlich historische Gebäude. Finanziert wurden die teuren Vorzeigeprojekte von ca. 55 verschiedenen Banken, die sich von Schneiders Restaurierungs- und Wiederaufbaubegeisterung im Zuge der deutschen Einheit anstecken ließen und ihm großzügig Kredite gaben.

Über die Jahre lieh er sich insgesamt mehrere Milliarden D-Mark. Im Gegensatz zu branchenüblichen Investmentgesellschaften hafteten er und seine Frau in ihrer GbR persönlich dafür.

 

Die Strategie

Die Einnahmen von Schneiders Projekten blieben deutlich hinter seinen Prognosen zurück – sowohl wegen zu optimistischer Markteinschätzung als auch wegen bewusst überzogener Flächenangaben und Mietprognosen. Infolgedessen benötigte Schneider immer größere Geldmengen, um die Verluste aus seinen Investitionen aufzufangen. Dieses System blieb ein paar Jahre durch weitere Kredite stabil. Es war ein ausgeklügeltes Verfahren, in dem er einen Teil des geliehenen Geldes auf seine Festgeldkonten überwies, um dieses bei neuen Kreditanträgen als Sicherheit zu präsentieren.

Ein weiterer, wesentlicher Bestandteil der Strategie war es, die Angaben zur Nutzfläche seiner Projekte zu frisieren: je größer die Mietfläche, desto mehr zukünftige Einnahmen, desto mehr Kredit. Dieses Vorgehen funktionierte wegen der groben Fahrlässigkeit der kooperierenden Banken bei der Vergabe von Krediten auch einwandfrei. Man vertraute Dr. Schneider und überprüfte die Angaben nicht.
Auf die Idee zur falschen Berechnung von Zahlen zugunsten eines höheren Kreditbetrages soll ihn angeblich ein Mitarbeiter der Hypotheken-Tochtergesellschaft der Deutschen Bank gebracht haben: Er solle den Beleihungswert des Goldenen Kreuzes in Baden-Baden durch geschönte Angaben steigern. Der Plan hatte Erfolg und Schneider bekam mit dieser Strategie nicht nur diesen Kredit, sondern auch noch viele weitere.

Ein bekanntes Beispiel dafür ist seine Täuschung beim Neubau der Zeilgalerie – einem Geschäftsgebäude in der Frankfurter Innenstadt. Hier erhöhte er in den Unterlagen die Nutzfläche von tatsächlichen 9.000 m2 auf sage und schreibe 22.000 m2 und erhielt dafür angeblich eine Summe von 450 Millionen Mark.
Das Kuriose daran: Den Mitarbeitern der Deutschen Bank war bei der Überprüfung entgangen, dass auf dem Bauschild (fußläufig von ihrer Zentrale entfernt) die Mietfläche korrekt mit 9.000 m2 angegeben war.

Blick von der Zeilgalerie auf die Frankfurter Skyline
Blick von der Zeilgalerie auf die Frankfurter Skyline

 

Der Zusammenbruch

Februar 1994: Schneider sollte in diesem Jahr das Bundesverdienstkreuz verliehen werden. Es war der Höhepunkt seiner Karriere. Und genau in dieser Zeit sorgte ein kritischer Artikel in der Frankfurter Allgemeine Zeitung über Mieter-Probleme von Schneider-Immobilien für Aufsehen – in der Immobilienbranche und bei den Kreditinstituten. Kurz darauf informierte er seinen Hauptkreditgeber, die Deutsche Bank, über die drohende Zahlungsunfähigkeit.
Ab dann ging alles schnell: Jeder Gläubiger wollte bei der Verwertung des Schneider-Imperiums der Erste sein.

Das Resultat: Schneider taucht mit seiner Frau Claudia unter. Angeblich, um die Projekte seiner schwer zu durchschauenden Unternehmungen vom Ausland aus zu leiten. Beide wurden mit internationalem Haftbefehl gesucht.

Bereits im April 1994 wurde vor dem Königsteiner Amtsgericht ein Konkursverfahren eröffnet und der entstandene Schaden ermittelt: Schneiders Bankschulden beliefen sich auf rund 5,4 Milliarden D-Mark. Insgesamt standen Forderungen in Höhe von 6,7 Milliarden DM gegen Schneider im Raum.
Größter Einzelgläubiger, mit einer Summe von 1,2 Milliarden DM, war die Hypothekenbank Centralbodenkredit – eine Tochter der Deutschen Bank.

 

Peanuts

Schneider hatte aber nicht nur Schulden bei den Banken, sondern ließ auch hunderte Handwerker auf unbezahlten Rechnungen sitzen. In einer Pressekonferenz verkündete der damalige Vorstandssprecher Hilmar Kopper, dass die Deutsche Bank die Kosten, die den von Schneider engagierten Handwerkern bei durch die Deutsche Bank finanzierten Objekten entstandene Schadenssumme in Höhe von ca. 50 Millionen DM, finanzieren würde:

„Es handelt sich auch nicht um viel Geld. Wir schätzen, dass ein Betrag dabei zur Debatte steht, der ganz deutlich unter 50 Millionen Mark liegt. Wir reden hier eigentlich von Peanuts.“

50 Millionen Mark waren für die Deutsche Bank offensichtlich Peanuts
50 Millionen Mark waren für die Deutsche Bank offensichtlich Peanuts

Diese Aussage schädigte nicht nur das Ansehen der Deutschen Bank, der ein Mitverschulden an der Milliardenpleite vorgeworfen wurde: „Peanuts“ wurde zum geflügelten Wort und zum Unwort des Jahres 1994 gewählt.

 

Der Prozess

Im Mai 1995 wurden Jürgen und Claudia Schneider in Miami, Florida festgenommen. Bis zu seiner Auslieferung im Februar 1996 blieb er in US-amerikanischer Untersuchungshaft. Über ein Jahr später begann der viel beachtete Wirtschaftsprozess, bei dem Vertreter von über 50 Banken als Zeugen vor das Frankfurter Landgericht geladen wurden.
Dr. Schneider wurde von dem renommierten Wirtschaftsstrafverteidiger Prof. Franz Salditt vertreten.

Im Verlauf des 41 Verhandlungstage dauernden Prozesses stellte die Strafkammer unter Vorsitz von Heinrich Gehrke eine Mitschuld der Banken an der Milliardenpleite fest: Hauptsächlich, weil die Mitarbeiter der Kreditabteilungen Schneiders Angaben ungeprüft akzeptierten, obwohl ihnen in mehreren Fällen sogar bankinterne Warnungen vorlagen.

Das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen stellte außerdem fest, dass die Deutsche Bank in 15 Fällen gegen Vorschriften des Kreditwesens- und Hypothekenbankgesetzes verstoßen habe.
Die Mitschuld der verschiedenen Kreditinstitute war es, die Schneider am 23. Dezember 1997 eine trotz großer Schadenshöhe relativ milde Strafe von sechs Jahren und neun Monaten einbrachte. Eine strafrechtliche Verfolgung von Mitarbeitern der am Skandal beteiligten Banken fand nicht statt.

Schneider wurde wegen guter Führung bereits im Dezember 1999 wieder entlassen. Unter Anrechnung der Untersuchungshaft verbüßte er zwei Drittel seiner Haftstrafe. In dieser Zeit veröffentlichte er mehrere Bücher über sein Leben und seine Immobilien. Die Einnahmen sollen in den von Schneider eingerichteten Hilfsfonds zur Unterstützung von der Pleite geschädigter Handwerker fließen.

 

Erneute Vorwürfe

2010 wurde wegen Verdacht auf dreifachen Betrug erneut gegen Schneider Anklage erhoben. Während es in zwei Fällen lediglich beim Versuch geblieben sein soll, habe er sich angeblich im dritten Fall 67.000 Euro verschafft: Er soll Firmen Darlehen gewährt haben, die aus dem Vermögen seiner Frau stammen. Zur Prüfung dieser Investition habe er um eine Art Sicherheit gebeten. Eine Firma, die an Spielbanken beteiligt war, habe tatsächlich die Summe von 67.000 Euro gezahlt.
Damals habe das Gericht die Anklage aber nicht zugelassen.

2014 wurde er wegen gewerbsmäßigen Betrugs in sechs Fällen angeklagt. Allerdings wurde das Verfahren aber vom Landgericht Bonn wegen Verhandlungsunfähigkeit des Angeklagten eingestellt.

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